Pelagia und der schwarze Moench

Pelagia und der schwarze Moench

PROLOG

Wassilisk erscheint

. . . näherte sich mit einigen weit ausholenden Schritten der Nonne. Er blickte aus dem Fenster, sah die schaumbedeckten Pferde, den völlig aufgelösten Mönch und zog drohend seine buschigen Augenbrauen zusammen.

»Er hat mir zugerufen: ›Mütterchen, ein Unheil! Er ist bereits hier! Wo ist der Bischof?‹«, sagte Pelagia halblaut zu Mitrofani.

Bei dem Wort »Unheil« nickte Mitrofani befriedigt, als habe er von diesem unmäßig langen Tag, der überhaupt kein Ende nehmen wollte, nichts anderes erwartet. Er gab dem abgerissenen, staubbedeckten Boten (aus seiner ganzen Art und seinen Worten wurde deutlich, dass dieser Mönch, der wer weiß woher herbeigeeilt kam, ein Bote war, ein Unglücksbote obendrein) einen Wink mit dem Finger: Na, komm schon herauf.

Der Mönch verbeugte sich vor dem Bischof kurz, aber tief, beinahe bis zum Boden, ließ die Zügel fallen, stürzte ins Gerichtsgebäude und bahnte sich den Weg durch das Publikum, das nach dem Prozess herausströmte. Der Anblick des Gottesdieners – barhäuptig, mit blutenden Kratzern auf der Stirn – war derart ungewöhnlich, dass die Menschen sich umsahen, die einen neugierig, die anderen besorgt. Die stürmische Erörtertung der soeben beendeten Verhandlung und des erstaunlichen Urteils brach jäh ab. Ein neues Ereignis schien sich abzuzeichnen, ja, war vielleicht schon eingetreten.

So ist es immer in solch stillen Gewässern wie unserem friedlichen Sawolshsk: Da herrschen fünf oder zehn Jahre Ruhe und Frieden und verschlafene Reglosigkeit, und plötzlich braust ein Orkan nach dem anderen über uns hinweg, dass sogar die Glockentürme sich zur Erde neigen.

Der Unglücksbote eilte die weiße Marmortreppe hinauf. Am oberen Treppenabsatz, unter den Gewichten der blinden Themis, hielt er inne, da er nicht sogleich wusste, in welche Richtung er gehen sollte, nach rechts oder nach links, doch dann erblickte er ganz am Ende des Gangs eine Schar von Korrespondenten aus der Hauptstadt sowie zwei Gestalten in schwarzen Kutten, eine große und eine kleine: Bischof Mitrofani und daneben die bebrillte Schwester, die zuvor am Fenster gestanden hatte.

Mit seinen großen Stiefeln über den hallenden Boden polternd, stürzte der Mönch auf den Bischof zu, wobei er schon von weitem ein Geschrei erhob:

»Eminenz, er ist bereits hier! Ganz nah! Er verfolgt mich! Riesig und schwarz!«

Die Journalisten aus Petersburg und Moskau, darunter auch richtige Kapazitäten dieser Profession, die wegen des Aufsehen erregenden Prozesses nach Sawolshsk gekommen waren, starrten den sonderbaren Mönch verwundert an.

»Wer verfolgt dich? Wer ist schwarz?«, fragte der Bischof. »Sprich deutlich. Wer bist du? Woher kommst du?«

»Der demütige Mönch Antipa aus Ararat.« Der Unbesonnene verbeugte sich hastig und langte nach seinem Käppchen, um es sich vom Kopf zu reißen, aber das Käppchen war nicht mehr da, er hatte es irgendwo verloren. »Wassilisk, wer sonst! Er, der Schutzpatron! Aus der Einsiedelei ist er gekommen. Lasst die Glocken läuten, Eminenz, lasst die heiligen Ikonen hinaustragen! Die Prophezeiung des Johannes erfüllt sich! ›Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, einem jeden zu geben, wie seine Werke sind!‹ Das ist das Ende!«, heulte er auf. »Es ist alles zu Ende!«

Die Leute aus der Hauptstadt waren durch die Nachricht vom Ende der Welt nicht zu erschüttern, sie spitzten lediglich die Ohren und rückten näher an den Mönch heran, der Gerichtsdiener hingegen, der schon angefangen hatte, den Korridor zu fegen, blieb bei diesem entsetzlichen Geschrei vor Schreck wie angewurzelt stehen, ließ seinen Besen fallen und bekreuzigte sich.

Der Vorbote der Apokalypse konnte vor Angst und Schrecken nicht mehr zusammenhängend reden – er zitterte am ganzen Körper, und über sein kreidebleiches, von einem Bart umwuchertes Gesicht rollten die Tränen.

Wie immer in kritischen Situationen legte der Bischof Tatkraft und Entschlossenheit an den Tag. Mitrofani wandte ein uraltes Rezept an, demzufolge das beste Mittel gegen Hysterie eine anständige Ohrfeige ist, und versetzte dem jämmerlich schluchzenden Mönch mit seiner mächtigen Hand zwei schallende Backpfeifen, woraufhin dieser sofort mit dem Zittern und Jammern auf hörte. Er riss die Augen auf und schluckte, und der Bischof nutzte die Gelegenheit, den Kurier am Kragen zu packen und ihn zur nächstgelegenen Tür zu ziehen, hinter der sich das Gerichtsarchiv befand. Pelagia, die beim Knallen der Ohrfeigen mitleidig aufgestöhnt hatte, eilte hinterher.

Dem Archivar, der sich nach Beendigung der Gerichtssitzung gerade einen Tee hatte gönnen wollen, gab der Bischof lediglich ein Zeichen mit der Augenbraue – schnell wie der Wind war der Beamte verschwunden, und die geistlichen Personen blieben zu dritt im Archiv zurück.

Der Bischof setzte den schluchzenden Antipa auf einen Stuhl und hielt ihm ein noch kaum angerührtes Glas Tee unter die Nase: »Hier, trink!« Er wartete, bis der Mönch, dessen Zähne ans Glas schlugen, seine zusammengeschnürte Kehle benetzt hatte, und fragte dann ungeduldig:

»Nun, was hat sich da bei euch in Ararat zugetragen? Erzähl.«

Die Korrespondenten waren draußen vor der verschlossenen Tür geblieben. Sie harrten eine Zeit lang aus, wiederholten ein ums andere Mal die rätselhaften Worte »Wassilisk« und »Ararat« und gingen dann, noch immer völlig entgeistert, allmählich auseinander. Eines war klar – sie alle waren Fremde und kannten sich mit unseren Sawolshsker Heiligtümern und Legenden nicht aus. Die Hiesigen, die hätten das sofort verstanden.

Da es hingegen auch unter unseren Lesern solche geben mag, die noch nie im Gouvernement Sawolshsk waren, ja, die vielleicht nicht einmal davon gehört haben, fügen wir an dieser Stelle, bevor wir das Gespräch im Gerichtsarchiv beschreiben, einige Erläuterungen ein, die übermäßig ausführlich erscheinen mögen, aber dennoch für das Verständnis des weiteren Verlaufs der Erzählung vollkommen unabdingbar sind.

***

Womit sollte man am besten beginnen?

Wahrscheinlich mit Ararat. Besser gesagt, mit Neu-Ararat, dem Kloster Neu-Ararat, dem berühmten Kloster, das sich ganz im Norden unseres weitläufigen, aber dünn besiedelten Gouvernements befindet. Dort, auf bewaldeten Inseln inmitten der Wasser des Sineje Osero, des Blauen Sees, der seinen Ausmaßen nach eher einem Meer gleicht (und im Volksmund daher auch »Blaues Meer« genannt wird), suchten von alters her heilige Mönche Zuflucht vor dem Getümmel und der Schlechtigkeit der Welt. Mit der Zeit verödete das Kloster, und auf dem ganzen Archipel verblieb nur eine Hand voll Eremiten in abgeschiedenen Zellen und Klausen, aber niemals, auch nicht zur Zeit der Wirren, erlosch das Klosterleben vollständig.

Dafür gab es einen besonderen Grund, nämlich die Wassilisk-Einsiedelei, doch über sie werden wir später berichten, denn die Einsiedelei existierte immer für sich, unabhängig vom eigentlichen Kloster. Letzteres gelangte im neunzehnten Jahrhundert aufgrund der günstigen Bedingungen unserer friedlichen, ruhigen Zeit zu prächtiger Blüte – zunächst dank der unter wohlhabenden Pilgern in Mode gekommenen Heiligtümer des Nordens, und in allerjüngster Zeit durch die Beflissenheit des derzeitigen Archimandriten Witali II., der so genannt wird, weil es im vergangenen Jahrhundert bereits einen Klostervorsteher gleichen Namens gegeben hat.

Dieser ungewöhnliche kirchliche Würdenträger hat Neu-Ararat zu nie gesehenem Wohlstand geführt. Seine Hochehrwürden – entsandt, ein ruhiges Inselkloster zu leiten – überlegte ganz zu Recht, dass die Mode ein flatterhaftes Wesen sei und man, solange ihr Blick nicht auf irgendein anderes, nicht weniger ehrwürdiges Kloster falle, aus dem Strom der Opfergaben den größtmöglichen Nutzen ziehen müsse.

Er begann damit, dass er die frühere Klosterherberge, die baufällig geworden und schlecht geführt worden war, durch eine neue ersetzte, dass er eine vorzügliche Gastwirtschaft mit Fastenspeisen eröffnete und Bootsfahrten entlang der Flußarme und Buchten einführte, damit die wohlhabenden Gäste es nicht eilig hätten, diesen gesegneten Ort, der mit seiner Schönheit, seiner reinen Luft und den Reizen der Natur den besten finnischen Kurorten in nichts nachsteht, wieder zu verlassen. Danach gab er den so entstandenen Überschuss an Mitteln geschickt wieder aus, indem er sich daranmachte, allmählich eine komplizierte und überaus einträgliche Wirtschaft zu begründen, mit mechanisierten Meiereien, einer Werkstätte für Ikonenmalerei, einer Fischfangflottille und Räucherkammern, ja sogar einer kleinen Eisenwarenmanufaktur, die die besten Fensterriegel in ganz Russland anfertigt. Er erbaute auch eine Wasserleitung und sogar eine Schienenbahn von der Anlegestelle zu den Warenlagern. Einige der erfahrenen Mönche begannen zu murren, das Leben in Neu-Ararat sei nicht mehr gottgefällig, doch diese Stimmen klangen schüchtern und drangen, übertönt vom munteren Klopfen der betriebsamen Baustellen, nahezu gar nicht nach außen. Auf der Hauptinsel Kanaan ließ der Klostervorsteher eine Vielzahl neuer Gebäude und Kirchen errichten, die durch ihre solide Bauweise und Pracht verblüfften, obgleich sie sich nach Meinung von Architekturkennern nicht immer durch makellose Schönheit auszeichneten.

Einige Jahre zuvor war eigens eine Regierungskommission herbeigereist, an ihrer Spitze der Minister für Handel und Industrie, der kenntnisreiche Graf Litte höchstselbst, um das »Wirtschaftswunder« von Neu-Ararat zu untersuchen und herauszufinden, ob es nicht möglich wäre, die Erfahrung dieser so erfolgreichen Entwicklung zum Nutzen des ganzen Imperiums zu verwend ...

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